Ägypten live – oder nicht?

Es war schon ein Gänsehaut-Gefühl, als am 11.2.2011 um kurz nach fünf die ersten Meldungen und Bilder über den Rücktritt Mubaraks über den Schirm flimmerten. Eine Euphorie, der Triumph über ein verhasstes, jahrzehntelang übermächtiges Regime, unglaublicher Jubel nach 18 Tagen Kampf, Durchhalten und Ungewissheit.

So ähnlich euphorisch muss es wohl auch gewesen sein, als die Mauer in Berlin am 10.11.1989 geöffnet wurde. Nur dass die meisten von uns damals nicht dabei sein konnten. Es gab kein Internet und keine SMS, sondern nur das Staatsfernsehen (entschuldigung: öffentlich-rechtliches Fernsehen) als Informationsquelle. Da bekamen wir dann abends aus den stocksteifen Tagesthemen die ersten Nachrichten zum Fall der Mauer vorgelesen. Um 23:20 Uhr kamen dann in einem Brennpunkt die ersten Live-Bilder nach dem Fall der Mauer aus Westberlin, immerhin.

Diesmal war es anders: wer wollte, der konnte nahezu live dabei sein, rund um die Uhr. Über Facebook, Twitter, Nachrichtenseiten im Internet und vor allem das Fernsehen. Nur: unsere lieben öffentlichen Fernsehsender („bei …sitzen Sie in der ersten Reihe“) waren seltsam kühl und distanziert zu den epochalen Ereignissen in Ägypten. Zwar streute die ARD emsig Brennpunkte über die 18 Tage Protestzeit. Aber selbst die „zufällige“ Live-Bekanntgabe des Mubarak-Rücktrittes in der Tagesschau am 11.2.2011 um 17:00 Uhr wirkte reichlich unbeholfen. Und sie beruhte auch noch auf Informationen aus zweiter Hand, wie Jörg Armbruster später selbst bekannte: „Wir haben es vermutlich über einen der Nachrichtensender erfahren, Al Jazeera oder Al Arabija, die haben ja ganz andere Drähte als wir“. Tja. Al Djazeera hat die Rede von Vizepräsident Suleiman eben live übertragen.

Im direkten Vergleich mit Al Jazeera wirkte die deutsche TV-Berichterstattung steif und manchmal auch unbeholfen, während Al Jazeera auf seinem englischen Kanal eine dichte und mitreißende Live-Berichterstattung sendete, als Aufnahme vom 11.2.. Mit Splitscreens, Laufschriften und vielen Interviews verdichtete  Al Jazeera die Live-Bilder und reicherte sie mit exzellenten Hintergrund-Informationen an, z.B. mit einem Interview mit Catherine Ashton, der EU Außenbeauftragten, kurz nach dem Bekanntwerden des Sturzes. Hier war man wirklich live dabei – dagegen wirkten die deutschen TV-Nachrichten wie die Sportschau gegen ein Live-Spiel.

Von den deutschen Online-Medien vermittelte Spiegel Online noch am ehesten ein Gefühl von Nähe zu den Ereignissen. In einem Live-Ticker kamen in unregelmäßigen Abständen aktuelle Meldungen aus Ägypten. Eine beeindruckende Instant-Dokumentation, aber eben doch nicht live, und allein durch die Textform deutlich abstrahiert. Das wurde besonders bei der Zuspitzung der Ereignisse, z.B. bei den Ansprachen Mubaraks, deutlich. Während Al Jezeera live übertrug, konnte man auf Spiegel Online später dann das Gesagte nachlesen.

Dazu passt ulkigerweise der erste Kommentar von Angela Merkel, deren Stellungnahme wirkte als wäre sie extra für eine Sonderausgabe des Sandmännchens gedreht worden. Mehr Begeisterung geht wirklich nicht.

Schade eigentlich, denn gerade mit unserer eigenen deutschen Geschichte vor gut 20 Jahren sollten wir (und insbesondere Frau Merkel) ein sehr gutes Verständnis für die dramatischen und mitreißenden Ereignisse in Ägypten haben. Aber vielleicht hat uns die steife Berichterstattung von damals auch zu sehr geprägt?

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